Dr. Armand Hausmann – Ihr Psychiater in Tirol
Behandlung von Bipolaren Erkrankungen – Allgemeines

 

Bipolare Störungen sind multifaktoriell bedingt. Die relativ uniforme Prävalenzrate in unterschiedlichen Kulturkreisen, das familiär gehäufte Auftreten und das relativ niedrige Erstmanifestationsalter im Vergleich zur unipolaren Depression weisen auf eine starke genetische Disposition hin. Das Risiko an einer bipolaren Störung zu erkranken steigt direkt proportional zum Verwandtschaftsgrad. Das Risiko liegt für monozygote Zwillinge bei 40-70%, bei dizygoten Zwillingen und Verwandten 1. Grades bei 5-10%. Kinder eines erkrankten Elternteils tragen ein Risiko von etwa 25%. Sind beide Eltern betroffen, steigt es auf bis zu 65%. Die Heredität ist somit deutlich höher als bei rein unipolar depressiven Verlaufsformen.

Bipolare Störungen sind hoch rezidivierende Stimmungserkrankungen. Die Jahresinzidenzrate mit episodischen Auslenkungen entweder nach oben in die (Hypo)-Manie oder nach unten in die Depression, ist im Vergleich zur unipolar depressiven Störung doppelt so hoch (0,4 vs. 0,2). 5 % der Patienten erleben nur eine Episode. 15 bis 20 % aller Patienten durchleben einen chronischen Verlauf. In einer Kohortenstudie waren die Patienten fast 46 % der Zeit erkrankt. Depressive (32 %) kamen dreimal öfters als manische Symptome (9 %) vor; Mischzustände waren in 6 % der Fälle vorhanden. Manische Episoden persistieren sechs Wochen, majore depressive Episoden 12 und gemischte Episoden 45 Wochen. Junges Alter in der Index Episode, Dauer der Index Episode, sowie der Schweregrad der depressiven Symptomatik (ev. einer komorbiden psychotischen Symptomatik oder Substanzgebrauch) sind negative Prädiktoren für den Krankheitsverlauf. Die Lebenszeitprävalenz von Bipolar I-Störungen (BPI), also der klassischen manisch-depressiven Krankheit, beläuft sich weltweit auf 0,3 bis 1,5 Prozent.

Durch Einbeziehung der subsyndromalen Formen im Rahmen des so genannten bipolaren Spektrums (siehe unten) steigt die Prävalenz der Allgemeinbevölkerung, je nach Definition und breite des Spektrums auf 5 bis 15% an. Ein anderer Subtypus ist die Bipolar II Störung (BPII) mit depressiven Episoden, welche von hypomanen Episoden begleitet werden. Sogenannte Rapid Cycling Verläufe (≥ 4 Episoden / Jahr egal welcher Auslenkung) werden nicht als spezielle Subtypen angesehen, da diese, obschon sie mit zunehmender Dauer der Erkrankung häufiger auftreten auch wieder verschwinden können. Die Episoden können in beliebiger Reihenfolge und Kombination auftreten, fließend ineinander übergehen oder durch zeitweise bestehende Euthymie voneinander abgegrenzt sein. Ultra Rapid Cycling bzw. Ultra-ultra Rapid Cycling beschreibt Zustände, bei denen Stimmungsschwankungen noch rascher, also innerhalb weniger Tage bis sogar Stunden, auftreten können.

Einer verbreiteten Meinung nach ist die bipolare Störung eine benigne Erkrankung. Aber die Literatur der letzten Jahre zeigt dass bipolare Störungen assoziiert sind mit schwergradigen psychosozialen Folgen, wie Langzeit-Arbeitslosigkeit und einer um neun Jahre verkürzten Lebenserwartung. Das Suizidrisiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist auch signifikant erhöht. Etwa 25 bis 50% aller bipolar Erkrankten unternehmen mindestens einen Suizidversuch im Laufe ihrer Erkrankung, wobei Mischzustände ein besonders hohes Risiko darstellen. Darüber hinaus weisen unbehandelte Patienten mit bipolaren Störungen auch eine signifikant erhöhte Morbidität und Mortalität an nicht psychiatrischen Erkrankungen (z.B. metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen) gegenüber der Allgemeinbevölkerung auf.

Daraus wird ersichtlich, dass das Erkennen der Erkrankung schon zu einem frühen Zeitpunkt von großer Bedeutung ist, um eine optimale Therapie zu gewährleisten und den weiteren Verlauf günstig zu beeinflussen zu können. Bei Patienten mit einer bipolaren Erkrankung treten, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung häufig kognitive Störungen auf. Diese haben wesentlichen Einfluss auf das Alltagsverhalten und den Krankheitsverlauf, da sie sowohl die soziale Integration als auch die berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Kognitive Defizite, wie Störungen der Daueraufmerksamkeit, der Gedächtnisfunktionen und der exekutiven Funktionen, wie kognitive Flexibilität und Problemlöseverhalten, treten stabil und überdauernd auf und sind auch in den Remissionsphasen vorhanden.

Allerdings, und hier verdichtet sich die Datenlage, scheinen bipolare Patienten, im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, von höheren prämorbiden Werten auszugehen. Der goldene Standard der Therapie bipolarer Störungen besteht aus der Kombination pharmakologischer, psychotherapeutischer und soziotherapeutischer Interventionen, die je nach Bedürfnis des Patienten und dem aktuellen Symptomatik individuell gewichtet werden. Patienten mit einer bipolaren Störung, inklusive jener mit subklinischen Symptomen, brauchen eine kontinuierliche und regelmäßige Behandlung. Deswegen ist ein Entlassungsmanagement schon ab Beginn der (teil)-stationären Aufnahme wichtig (weiterführende psychiatrische, psychotherapeutische, und soziotherapeutische ambulante Betreuung). Alle Patienten mit einer Diagnose einer bipolaren Erkrankung (auch jene mit subklinischer Ausprägung) sollen unter dem Register „Patienten mit schwerer psychiatrischer Erkrankung geführt werden“

Univ.-Prof. Dr. Armand Hausmann

Univ.-Prof. Dr. Armand Hausmann